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Gibt es Tiere, die niemals schlafen?

Tiere der Welt
Datum 12 Oktober 2026
kama

Eine zusammengerollte, schlafende Katze, ein Hund, der auf dem Sofa döst, oder ein Vogel, der auf einem Ast ruht – solche Bilder kennen wir gut. Im Tierreich sieht Schlaf jedoch nicht immer so aus, wie wir es erwarten würden. Manche Arten ruhen mit einem offenen Auge, andere können während des Fluges einschlafen. Es gibt sogar Organismen, die in einen schlafähnlichen Zustand übergehen, obwohl sie kein Gehirn besitzen.

Bedeutet das, dass es auch Tiere gibt, die niemals schlafen? Die Antwort erfordert Vorsicht. Schlaf oder schlafähnliche Zustände wurden bei sehr unterschiedlichen Tiergruppen beschrieben, doch nicht jede Art wurde gründlich untersucht. Wenn wir ein Tier nicht schlafen sehen, bedeutet das noch nicht, dass es vollständig ohne Schlaf auskommen kann.

Was bedeutet es eigentlich, dass ein Tier schläft?

Beim Menschen verbinden wir Schlaf mit geschlossenen Augen, einem entspannten Körper und einer eingeschränkten Wahrnehmung der Umgebung. Dieses Bild passt jedoch nicht zu allen Bewohnern unseres Planeten. Wie lässt sich Schlaf bei einer Qualle oder einer Fruchtfliege erkennen?

Wissenschaftler untersuchen mehrere Merkmale. Sie prüfen, ob ein Tier seine Aktivität regelmäßig reduziert, ob es währenddessen schwächer auf Reize reagiert und ob es sich relativ schnell wieder in einen wachen Zustand versetzen lässt. Außerdem untersuchen sie, was geschieht, wenn die Ruhe gestört wird. Ein erhöhtes Schlafbedürfnis nach einer Einschränkung des Schlafs ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass der beobachtete Zustand mehr ist als eine zufällige Bewegungspause.

Bewegungslosigkeit allein reicht deshalb nicht aus, um festzustellen, dass ein Tier schläft. Es kann stillhalten und gleichzeitig seine Umgebung aufmerksam beobachten. Umgekehrt schließt Bewegung Schlaf nicht immer aus – wie Untersuchungen an fliegenden Vögeln zeigen.

Delfine – Erholung mit einer Gehirnhälfte

Delfine gehören zu den eindrucksvollsten Beispielen dafür, wie vielfältig Schlaf sein kann. Sie leben im Wasser, atmen aber Luft. Deshalb müssen sie regelmäßig an die Oberfläche gelangen und sich zugleich weiterhin in ihrer Umgebung orientieren können.

Dabei hilft ihnen der sogenannte unihemisphärische Schlaf. In diesem Zustand zeigt eine Gehirnhälfte die für den langsamen Wellenschlaf typische Aktivität, während die andere wachsamer bleibt. So kann ein Delfin ruhen und gleichzeitig weiterschwimmen sowie seine Umgebung überwachen.

Dieser Mechanismus ist auch damit verbunden, ein Auge offen zu halten – das Auge, das mit der wachen Gehirnhälfte verbunden ist. Eine ähnliche Lösung findet sich bei manchen Vögeln.

Das bedeutet nicht, dass Delfine niemals schlafen. Ihr Schlaf ähnelt lediglich nicht unserer nächtlichen Ruhe. Er ist eine Anpassung, die es ihnen ermöglicht, das Schlafbedürfnis mit den Anforderungen des Lebens im Wasser zu vereinbaren.

Kann man während des Fluges schlafen?

Vögel, die tagelang fliegen, faszinieren Forscher schon lange. Wenn ein Tier über längere Zeit nicht landet, wann findet es dann Gelegenheit zum Schlafen? Schläft es in der Luft ein oder schränkt es seine Ruhe vorübergehend ein?

Direkte Belege lieferten Untersuchungen an Fregattvögeln, bei denen die Gehirnaktivität während des Fluges aufgezeichnet wurde. Dabei zeigte sich, dass diese Vögel tatsächlich in der Luft schlafen können. Beobachtet wurden sowohl Schlaf in einer Gehirnhälfte als auch kurze Phasen, in denen beide Gehirnhälften gleichzeitig schliefen.

Noch überraschender war die Schlafmenge. Die untersuchten Fregattvögel schliefen während des Fluges durchschnittlich etwa 42 Minuten pro Tag, deutlich weniger als an Land. Ihr Schlaf in der Luft war kurz und auf kleine Episoden verteilt.

Diese Ergebnisse sollten nicht automatisch auf alle Vögel übertragen werden, die lange Reisen unternehmen. Allein die Tatsache, dass eine Art lange in der Luft bleibt, beweist noch keinen Schlaf während des Fluges. Fregattvögel zeigen jedoch, dass selbst eine so anspruchsvolle Tätigkeit Raum für kurze Ruhephasen lassen kann.

Auch Fruchtfliegen brauchen Schlaf

Fruchtfliegen verbinden wir vor allem mit ständiger Bewegung rund um reifes Obst. Doch auch diese kleinen Insekten haben Ruhephasen, die wichtige Kriterien des Schlafs erfüllen.

Forscher beobachteten, dass Fruchtfliegen einen Ruheplatz auswählen, längere Zeit bewegungslos bleiben und schwächer auf Reize reagieren. Wurde ihnen im Experiment die Ruhe verwehrt, ruhten sie anschließend länger. Das weist auf eine biologische Regulation ihres Schlafbedürfnisses hin.

Damit ist dieses kleine Tier zu einem wertvollen Forschungsmodell geworden. Die Beobachtung von Fruchtfliegen hilft Wissenschaftlern, die Mechanismen zu verstehen, die Schlaf und Wachsein steuern – einschließlich der Rolle der Gene.

Ihr Beispiel erinnert uns daran, dass die Größe eines Tieres nichts darüber aussagt, wie komplex die Vorgänge in seinem Körper sein können. Selbst ein leicht zu übersehendes Insekt besitzt seinen eigenen Rhythmus aus Aktivität und Ruhe.

Schlaf ohne Gehirn – der außergewöhnliche Fall der Quallen

Eine der überraschendsten Entdeckungen betrifft Quallen der Gattung Cassiopea. Diese Tiere besitzen kein zentralisiertes Gehirn. Sie verfügen jedoch über ein Nervennetz, das ihnen ermöglicht, auf ihre Umgebung zu reagieren und ihre Aktivität zu koordinieren.

Eine 2017 veröffentlichte Studie zeigte, dass diese Quallen nachts die Häufigkeit ihrer Körperpulsationen verringern. In diesem Zustand reagieren sie außerdem langsamer auf Reize. Wurde ihre nächtliche Ruhe gestört, beobachteten die Forscher am folgenden Tag eine geringere Aktivität und Reaktionsfähigkeit – passend zu einem Bedürfnis, verlorene Ruhe nachzuholen.

Dieses Verhalten erfüllte die Kriterien eines schlafähnlichen Zustands. Die Entdeckung unterstützt die Hypothese, dass die evolutionären Ursprünge des Schlafs bis in die Zeit vor der Entstehung eines zentralisierten Nervensystems zurückreichen.

Für Schlaf oder einen schlafähnlichen Zustand ist also kein Gehirn erforderlich, das wie das menschliche aufgebaut ist. Das ist ein wichtiger Hinweis für Forscher, die verstehen möchten, warum Schlaf im Verlauf der Evolution entstand und welche ursprünglichen Funktionen er hatte.

Wenig Schlaf bedeutet nicht, überhaupt nicht zu schlafen

Geschichten über Tiere, die „niemals schlafen“, entstehen häufig, weil sich ihre Ruhe schwer beobachten lässt. Ist der Schlaf kurz, tritt er zu ungewöhnlichen Zeiten auf oder erfordert er keine vollständige Bewegungslosigkeit, kann er leicht übersehen werden.

Außerdem sollten drei Situationen unterschieden werden: Ein Tier schläft wenig, es schränkt seinen Schlaf vorübergehend ein oder es schläft während seines gesamten Lebens überhaupt nicht. Das sind unterschiedliche Aussagen, die unterschiedliche Belege erfordern.

Ebenso wenig können wir voraussetzen, dass jede Art nach eingeschränktem Schlaf genauso Schlaf nachholt wie der Mensch. Untersuchungen zeigen eine große Vielfalt an Verhaltensweisen. Bei manchen Tieren wurde unter bestimmten Bedingungen nach langen Wachphasen keine typische Zunahme der Schlafmenge beobachtet.

Die Behauptung, alle Tiere schliefen auf dieselbe Weise und müssten jede verlorene Stunde stets nachholen, wäre deshalb eine zu starke Vereinfachung.

Gibt es ein Tier, das tatsächlich niemals schläft?

Es gibt keine ausreichende Grundlage, eine bestimmte Art als zweifelsfreies Beispiel für ein Tier darzustellen, das sein gesamtes Leben ohne jede Form von Schlaf auskommt. Gleichzeitig haben wir nicht alle Tiere gründlich genug untersucht, um jede Ausnahme sicher ausschließen zu können.

Die ehrlichste Antwort lautet daher: Schlaf ist im Tierreich außerordentlich weit verbreitet, doch seine Allgemeingültigkeit und seine Grenzen werden weiterhin erforscht. Besonders schwierig ist es, ihn bei Organismen zu erkennen, deren Verhalten und Nervensystem sich stark von unseren unterscheiden.

Ein Delfin, der mit einer Gehirnhälfte ruht, ein Fregattvogel, der über dem Ozean einschläft, eine bewegungslose Fruchtfliege und eine langsamer pulsierende Qualle zeigen, wie vorsichtig wir Tiere anhand unserer eigenen Erfahrungen beurteilen sollten. Ihre Ruhe kann für uns nahezu unsichtbar sein und dennoch einen wichtigen Teil ihres Lebens bilden.

Wenn wir ein Tier betrachten, das ständig aktiv zu sein scheint, lohnt sich deshalb die Frage: Schläft es wirklich nicht, oder haben wir nur noch nicht gelernt, seinen Schlaf zu erkennen?

kama
Hund